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Hier erhalten Sie Wissen (für Neueinsteiger) und Erinnerungen (für "alte Hasen") rund um Ihre Otoplastik

1. Die Wirkung der Zusatzbohrung

Erstellt am 30.04.2020 me

Offene Versorgung oder geschlossene Versorgung oder doch „nur“ eine Zusatzbohrung (Vent)?

 

Sowohl eine offene Versorgung, eine Zusatzbohrung (Belüftungsbohrung oder frequenzbeeinflussende Bohrung) als auch eine geschlossene Versorgung finden im Laufe der Hörgeräteanpassung ihren Einsatz. Der Hörakustiker entscheidet jeweils nach Versorgungslage, welche Variante zum Einsatz kommt.

 

Wichtig ist, dass der Einsatz zielführend erfolgt. Daher ist ein solides Grundwissen erforderlich, um den jeweiligen Einsatzbereich individuell bei jeder Hörgeräteversorgung neu zu beurteilen und die Entscheidung zu treffen. Durch eine Insitu-Messung kontrollieren Sie, ob die Entscheidung, die sie getroffen haben, den gewünschten Effekt erzielt hat.

 

Wir möchten Ihnen hier eine Erinnerung (für "alte" Hasen) oder einen Einstieg in das Thema vermitteln.

Die offene Versorgung, die geschlossene Versorgung und der Einsatz von Zusatzbohrungen unterschiedlicher Durchmesser unterscheiden sich wesentlich im Hinblick auf Tragekomfort und Verständlichkeit im Störlärm.

 

Sehr wichtig bei jeder Hörgeräteversorgung ist auch die Beachtung von Okklusions- und Venteffekten. Die Abwägung muss erfolgen, ob beste Sprachverständlichkeit im Umgebungslärm zu erreichen ist, oder ob ein Gefühl der Verschlossenheit (Okklussionseffekt) zu vermeiden ist.

 

Auch der Einsatz von speziellen Otoplastikformen unterstützt hierbei wesentlich. So kann zum Beispiel mit einer Folien- oder Nuggetotoplastik ein außerordentlich gutes Ergebnis erzielt werden, wenn hierzu noch die richtige Bohrung beziehungsweise Offenheit der Otoplastik berücksichtigt wird.

 

Der folgende Artikel beschreibt die Wirkungsweise, die Vor- und Nachteile sowie die wichtigsten Einsatzgebiete.

 

Die Wirkungsweise der einzelnen Parameter einer Otoplastikversorgung wird im Wesentlichen durch folgendes bestimmt:

1. Form der Otoplastik (z.B. Nugget-Otoplastik oder Folienotoplastik)

2. Länge der Otoplastik (Zapfenlänge)

3. Schallkanal

4. Durchmesser Schallschlauch

  • Form des Schallkanales wie z.B. Libby oder Bakkehorn

  • Länge des Schallkanales im Gehörgang

  • Abstufung der Otoplastik im Gehörgang,

5. Die Zusatzbohrung

  • Ventgröße

  • offene Versorgung

  • geschlossene Versorgung

6. Material der Otoplastik

 

Hierbei nehmen Sie Einfluß auf folgende Ziele:

1. Verbesserung des SNR

2. Verringerung von Maskierungseffekten

3. Verbesserung des Sprachverstehens in geräuschvoller Umgebung

4. Optimale Wirkung der Hörgerätefeatures

5. Vermeidung des Verschlusseffektes (Okklussionseffekt)

 

Das Ohrpassstück bildet mit seiner Zusatzbohrung und dem Restvolumen vor dem Trommelfell ein Feder-Masse-System und lässt sich als Helmholtzresonator erklären.

 

Es gibt für jede Otoplastik mit Zusatzbohrung die Möglichkeit die Auswirkungen der Bohrung auf den Frequenzgang der Hörgeräteversorgung zu berechnen.

Die Formel hierzu lautet:

Es lässt sich somit feststellen: die Resonanzfrequenz ist von der Länge und dem Durchmesser der Zusatzbohrung abhängig. Die verschiedenen Effekte durch die Auswahl der Zusatzbohrung können Sie der nächsten Grafik entnehmen.

 

(Grafik folgt in Kürze)

 

 

Folgerung:

  • Mit Vergrößerung des Durchmessers der Zusatzbohrung erhöht sich die Resonanzfrequenz

  • Mit Verkürzung der Länge der Zusatzbohrung erhöht sich die Resonanzfrequenz

  • Mit Vergrößerung des Durchmessers der Zusatzbohrung nimmt die Dämpfung ab

 

Um diese Effekte auszuschalten, könnte man nun zu der Erkenntnis gelangen, dass eine Otoplastik ohne Zusatzbohrung ideal wäre, da hier keine Vent-Effekte vorhanden sind. Dies wird übrigens auch von der Hörgeräte Industrie gerne gesehen, da hierbei die Features der Hörgeräte voll zur Wirkung kommen können. Insbesondere Richtmikrofone, Störschallunterdrückung und Spracherkennung verlieren mit zunehmender Größe des Durchmessers der Zusatzbohrung (Vent) an Wirkungsfähigkeit. Hieraus kann dann meist auch eine Verschlechterung des Sprachverstehens im Störlärm aufgrund einer Verschlechterung des SNR (Abstand Störschall zu Nutzschall) beobachtet werden.

 

Wie Sie in der Grafik sehen können, wirkt sich die Verbesserung des SNR um 1 Dezibel im Oldenburger Satztest in einer Verbesserung des Sprachverstehens um rund 15 % aus.

 

(Grafik folgt in Kürze)

 

 

Leider hat aber der Verzicht auf eine Zusatzbohrung den negativen Effekt, dass eine ausreichende Belüftung des Gehörganges und somit auch des Gewebes nicht mehr möglich ist. Ein Verzicht auf die Belüftung sollte nur im speziellen Ausnahmefall (Versorgung von hochgradig Schwerhörigen) und gut abgewogen erfolgen.

 

Diese Punkte sprechen für die Belüftung des Gehörganges:

  • Sauerstoffversorgung des Gewebes

  • Verminderung von entzündlichen Prozessen durch Bakterienwachstum (feuchter, warmer und unbelüfteter Raum)

  • Reduzierung des Okklusionseffektes (unangenehme Wahrnehmung der eigenen Stimme)

  • Besserer Tragekomfort (Vermeidung von Unterdruck und damit einhergehendem „Ansaugen“)

  • Vermeidung von defekten Hörern bei RIC-Geräten oder Im-Ohr-Geräten aufgrund von Feuchtigkeit

  • Vermeidung von Flüssigkeitsansammlung im Schallschlauch, der Schallzuführung in Filtern oder im Cerumenschutz

 

Otoplastiken mit einer Zusatzbohrung von 1 mm oder größer weisen eine sehr geringe Dämmung im Tieftonbereich aus. Dadurch können tieffrequente Störgeräusche durch die Zusatzbohrung eindringen und somit zusätzlich zur Verstärkungskurve des Hörgerätes zum Trommelfell des Kunden gelangen und somit die Signalverarbeitung beeinflussen. Dies können sie übrigens sehr gut durch eine Insitumessung nachprüfen.

Je größer die Zusatzbohrung gestaltet wird, umso größer ist dieser Effekt des zusätzlichen Eindringens ungewollter oder gewollter Frequenzanteile.

 

Als kurzes Zwischenfazit zur Zusatzbohrung lässt sich nun folgendes festhalten:

1. Die Zusatzbohrung hat eine eigene Resonanzfrequenz, die sich ab einer Größe von 1mm zur Übertragungskurve des Hörgerätes addiert

2. Die Resonanzfrequenz einer Bohrung von 0,8mm liegt außerhalb des Frequenzübertragungsbereiches eines Hörgerätes und ist somit zu vernachlässigen

3. Ab einer Zusatzbohrung von 1mm und größer „verlieren“ wir einen Teil der Frequenzübertragung des Hörgerätes im Tieftonbereich

4. Durch eine Zusatzbohrung dringen tieffrequente Störgeräusche in den Gehörgang ein und addieren sich zur Frequenzübertragung des Hörgerätes

 

Eine sehr gute Variation einer Otoplastik stellt die Folienotoplastik dar. Aufgrund der erheblich kürzeren Zusatzbohrung wirkt sie sehr viel offener als eine Komfortotoplastik mit demselben Durchmesser einer Zusatzbohrung.

 

Wenn Sie eine möglichst kleine Zusatzbohrung in einer Otoplastik anbringen möchten, um negativ wirkende Resonanzfrequenzen zu vermeiden, so bietet sich die Anbringung eines Nuggetvents an. Hierbei wird eine Aussparung am Gehörgangszapfen angebracht, und zwar genau in dem Bereich, in dem das Kiefergelenk auf die Otoplastik drücken würde. Durch diese Anbringung der Aussparung kann die Schwingungsübertragung zwischen dem Kiefergelenk des Unterkiefers und der Otoplastik unterbunden werden. Sie erreichen damit eine wesentlich höhere Akzeptanz in Bezug auf einen Okklusionseffekt. Zudem wirken durch diese Maßnahme (kleinere Zusatzbohrung) die Features der Hörgeräte besser.

 

Somit lässt sich festhalten, dass sich nur mit der optimalen Auswahl und Anfertigung einer individuellen Otoplastik gezielt Hörgeräteeigenschaften und Störlärmreduzierungen erreichen lassen. Eine sehr gute Variante stellt hierbei eine Folienotoplastik oder Nugget-Otoplastik dar, da hierbei der Einfluss der Zusatzbohrung in das akustische Übertragungsverhalten des Hörgerätes bei weitgehender Vermeidung des Okklusionseffektes erreicht werden kann und alle Features des Hörgerätes optimal wirken können.

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